Es ist Dienstag oder vielleicht schon Mittwoch,
ich weiß es nicht genau und überlege wann ich das letzte Mal auf die Uhr sah.
Es muss kurz nach elf gewesen sein, denn ich erinnere mich an die vielen Menschen,
die das Kino verließen, an dem ich zwar oft vorbei ging,
in das ich jedoch noch nie einen Fuß setzte und von dem ich weiß,
dass die Abendvorstellung um elf endet, aber nicht mehr woher.
Danach zeigen sie immer die alten, weichgezeichneten 70er Jahre Pornos,
die eigentlich niemand sehen will, auch ich nicht. Zu viele Haare, denke ich.
“Deep Throat” leuchtete in großen Buchstaben über dem Eingang und das O flackerte.
Zu viele Haare, denke ich wieder und ziehe an meiner Zigarette.
Weißer Rauch steigt auf und verdichtet sich langsam zu einem blauen Dunstschleier,
der wie eine dunkle, schwarze Gewitterwolke drohend über mir schwebt,
während ich hier sitze und mit leeren Augen ins Nichts starre,
das als “Ich weiß nicht mehr wievieltes Glas” vor mir steht und mit jedem Schluck,
wächst die Wolke langsam zu einem Sturm heran,
der meine Gedanken wie vertrocknetes, dreckiges Laub durch die Luft wirbelt,
währenddessen ich versuche, die weiße Feder zu beobachten.
Ich trinke aus und als ich das nächste Glas bestelle, sehe ich mich im Spiegel hinter der Bar zwischen all den Whisky, Wein und Wodkaflaschen und den vergilbten Fotos, die, wenn man genau hinsieht,
von der Traurigkeit dieses Ortes erzählen, obwohl alle auf den Bildern lächeln, ja fast glücklich wirken. Vielleicht waren sie es auch, ich weiß es nicht. Gegenwart, festgehalten auf 10×15, gerahmt,
um nach und nach Vergangenheit zu werden.
Es kam schon lange kein neues Foto mehr dazu, denn hier ist seit Ewigkeiten nichts mehr passiert,
was man für die Zukunft oder irgendjemanden hätte festhalten sollen.
Ich frage mich, ob es vielleicht gerade diese Anonymität ist, die mich neben dem Alkohol immer wieder hierher zurückkehren lässt, in der Hoffnung Antworten auf meine Fragen zu finden, von denen es so viele gibt,
dass ich mich frage ob ich jemals zufrieden sein werde, denn sobald ich glaube eine Antwort gefunden zu haben, tauchen neue auf. Ich denke „Scheiß drauf“, zünde mir eine Zigarette an, exe das Glas,
bestelle das Nächste und stelle fest, dass ich es nicht kann.
„Verdammt nochmal!“, denke ich laut, was die Aufmerksamkeit des alten Mannes neben mir auf sich zieht.
Ich weiß nicht, wie lange er schon neben mir gesessen hat, denn die Zeit steht still in der Ecke und beobachtet die einsamen Seelen, die sich, so wie ich, an diesen trostlosen Ort verirrt haben,
obwohl sie doch alle irgendwie Trost suchen.
Oft, vielleicht schon zu oft, war ich hier, um zu wissen, dass niemand hier herkommt, dem es gut geht
und falls doch, dann nur um nach dem Weg zu fragen. „Idioten“, denke ich wieder laut,
„Als ob hier jemand wüsste wo es lang geht.“
Ich glaube ein Lächeln im Gesicht des alten Mannes zu erkennen, als er mich ansieht und frage mich,
was er wohl denkt oder ob er weiß, dass ich recht habe und dies mit seinem Lächeln bestätigt.
Vielleicht ist es auch nur Mitleid.
Er rückt zu mir rüber und obwohl der Rauch und der Suff der Menschen es hier fast unmöglich machen etwas zu riechen, außer dem Rauch und dem Suff der Menschen, dringt sein Schweißgeruch in meine Nase und Ekel steigt in mir auf, doch ich lasse mir nichts anmerken und starre wieder auf den Spiegel.
„Menschen, die wissen wie sie ihre Körper vergiften, sehen in Spiegel und ertrinken in Tränen.
Ihre Abbilder flüchten, retten sich und kehren in der Schattenwelt der Leuchtreklamen zurück in ihre Leben. Ihre Seelen jedoch, offenbaren sich dem Gerstensaft und üben die Choreografie der Nacht.“, sagt er.
Dann klopft er mir auf die Schulter, trinkt mein Glas leer und will gehen, doch er stockt.
„Fragen. Nur noch mehr Fragen! Etwas anderes wirst du hier nicht finden!“
Dann geht er. Ich schaue ihm nach und an der Tür dreht er sich noch einmal um und sieht mich an.
Jetzt war kein Lächeln mehr in seinem Gesicht zu erkennen.
Vielleicht hat er recht, denke ich und starre wieder in den Spiegel, vielleicht hat er ja recht, doch anstatt weiter darüber nachzudenken, überlege ich ob Weisheit oder Whisky aus ihm sprachen und gebe mich damit zufrieden, dass das ja irgendwie das Selbe ist, bestelle mir noch ein Glas und starre wieder in den Spiegel.
Warum ich immer so traurig bin, hast du mich gefragt, als wir uns das letzte Mal sahen und während ich mich frage wann das war, lege einen Schein auf den Tresen, der Barmann und ich nicken uns zu, was so viel wie, wir sehen uns morgen, bedeutet und gehe raus.
Die frische Luft versetzt mir so einen Schlag ins Gesicht, dass ich ins Taumeln komme und mich festhalten muss, um nicht im Dreck zu landen, doch das gelingt mir nicht.
Warum ich immer so traurig bin, hast du mich gefragt.
Und während ich im Dreck liege, begreife ich, dass der alte Mann recht hatte.
Ich raffe mich auf und torkele langsam nach Hause.
Vorbei am Kino, das schon geschlossen ist und in dem sie immer die alten, weichgezeichneten 70er Jahre Pornos zeigen, die eigentlich niemand sehen will, auch ich nicht. Zu viele Haare, denke ich wieder.